„Vom Geist der Freiheit angeweht“

Quelle
Eine Utopie unseres 15jährigen Sohnes:

Eine Gesellschaft, in der kein Mensch mehr arbeiten muß und dennoch alle genug von dem haben können, was sie sich wünschen. Die Menschen sind dann frei von Zwängen, es gibt keine Gründe für Kriege, Verbrechen, Not und Leid mehr. Was sie tun, tun sie aus freiem Willen, weil sie es für sinnvoll halten. Auch wenn einer wenig tut/gibt, aber viel verbraucht/nimmt, entsteht kein Problem der Verteilungsgerechtigkeit, weil es ja keine knappen Güter mehr gibt. Respektiert werden muß „nur“ die Freiheit der anderen. Gesetze, Staat, Politiker usw. können abgeschafft werden.

Uff. Ich war sehr beeindruckt, hatte ich doch am selben Vormittag angesichts der ganzen Fukushima / Energie / Nachhaltigkeits- undsoweiter Debatte folgenden Gedanke gehabt: Wir sind die erste Generation, die ihren Kindern besser nicht ohne Weiteres wünschen sollte: „Euch soll’s mal besser gehen als uns“. Weil schon im Leben unserer Kinder der Punkt erreicht sein könnte, wo dies ihr eben Leben nicht mehr verbessern, sondern das Gegenteil bewirken könnte. Verbesserung im Sinne höherer Lebenszufriedenheit, weniger Pflicht mehr Kür, mehr Freiheit also, in dem Sinne wünschen wir als Eltern ihnen natürlich weitere Verbesserungen.

Habe nun also fleissig Umschau gehalten und meinem Sohn dann einen Artikel ausgedruckt, den ich auf den Seiten der Uni Gießen fand.
Und ich bin auf den blogs von mayarosa + nixzen noch auf einen ganz anderen Aspekt von Freiheit gestoßen. Nicht „nur“ die äußere Freiheit von (u.a.: Erwerbs-) Zwängen, auch innerliche Freiheit, Individualität, Grenzenlosigkeit wird da angesprochen. Ich will das jetzt hier nicht ausführlich zitieren, schaut einfach mal dort und beteiligt Euch vielleicht mit Kommentaren. Nur ein Gedanke meinerseits dazu: Auch das innere Streben nach Freiheit (Emanzipation!) kann ja zum Zwang werden, wenn ich nämlich dadurch unfrei bin/werde, Bindungen einzugehen, die gut für mich und andere sind oder sein können.

Mir fiel noch ein Aspekt zur Freiheit ein: Freiheit wovon / Freiheit wofür?
Mal angenommen, ich hätte einen mich zufriedenstellenden Grad äußerer Freiheit von allen möglichen Zwängen erreicht (und lebte auch in einer Gesellschaft, die mir dies ermöglicht, die also nicht meine Freiheitsrechte einschränkt oder mich bedroht) – was bitte finge ich denn dann mit mir und meinem nennen wir es einmal „Aktionspotential“ an.

Stöber stöber…

Und siehe da, auch dieser Gedanke ist nicht etwa mir allein gekommen (!), nein, 2 österreichische Sozialethiker berühren ihn im Zusammenhang mit der Diskussion über Für und Wider eines garantierten Grundeinkommens. „Die „Freiheit wozu“ ist der Handlungsvollzug, durch den sich die Qualität der Selbstbestimmung, das Sinnziel der Freiheit, enthüllt. Sie bringt zum Ausdruck, ob überhaupt und wenn ja, in welcher Weise der Mensch durch die Initiative seiner Freiheit sein Leben selbst, Mitwelt und Umwelt mitverantwortet.“ Dementsprechend offenbart dieser Gedanke die Bezogenheit der individuellen Freiheit eines Menschen „zu sich selbst, zu den vielen Nächsten, zur Natur und zur Gegenstandswelt“. (Quelle)

Nachdem ich ja im vorigen Beitrag ein wenig Liberalen- bashing betrieben habe (und es dabei sicher nicht bleiben wird), war ich ganz froh als ich diese Beiden deren Ehre wiederherstellen sah, in dem sie es als Grundziel

Freiheit der Butterblume

Freiheit der Butterblume

der Liberalen bezeichneten, den Menschen ein Maximum an Freiheit in allen Lebensbereichen zu sichern. (hat zwar wenig mit meiner bisherigen Wahrnehmung der Herren Westerwelle & co KG zu tun, aber nehmen wir mal an, anderswo auf der Welt gebe es noch Liberale, die dies so wollten.)

Liberal hin oder her – sehr richtig und wichtig scheint mir zu sein, daß individuelle Freiheit eine Zielvorstellung vom guten Leben mit sich, mit anderen Menschen und mit der Umwelt braucht.

Der Mensch wird am Du zum Ich. (Martin Buber)

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5 Antworten zu „Vom Geist der Freiheit angeweht“

  1. innengeraeusche schreibt:

    Überstrapazieren wir den Freiheitsbegriff nicht manchmal? Wir in unserem Kulturkreis sind doch ziemlich frei. Unsere Gedanken gehören sowieso uns. Wir sind hier körperlich frei und in der Regel auch frei in unseren Entscheidungen. Mehr Freiheit als heute hat es noch nie in dieser Gesellschaft gegeben. Ich gehe sogar weiter: Manch einem scheint sie nicht zu bekommen.

    Was begrenzt uns?

    Manchmal unsere Physiognomie, ob nun körperlich oder geistig. Wer nicht alles tun kann, der kann weniger Freiheit als andere haben. Ich sage bewusst „kann“.

    Manchmal unsere Bequemlichkeit. Manche haben eigentlich alle Voraussetzungen, aber sie nutzen sie nicht. Sie lernen nicht, sie arbeiten nicht, sie streben nicht.

    Manchmal die Fehler anderer. Eltern, die ihre Kinder misshandeln und für’s Leben traumatisieren. Menschen, die anderen Schaden zufügen.

    Begrenzt uns unsere Gesellschaft?
    Sicher, aber doch noch nie so wenig wie heute. Unsere Gesetze regeln doch nur, dass alle, die hier leben, die gleichen Freiheiten haben können. Freiheit der Religion, Freiheit der sexuellen Orientierung, Freiheit der Berufswahl, Freiheit der Schulwahl, Meinungsfreiheit, das ist gelebte Realität.

    Und nun träumen wir davon, dass Freiheit wäre, dass uns gebratene Tauben in den Mund fliegen, dass wir unsere Zeit nur noch mit den Dingen verbringen, die uns Spaß machen, nie mehr mit Dingen, die „sein müssen“. Und? Wer hat denn diese Fähigkeit? Den meisten Menschen fällt ein, was sie nicht machen möchten, aber sehr vielen leider nicht, was sie stattdessen tun könnten. Also machen sie nichts, finden keinen Sinn, hadern mit ihrem „Schicksal“ und machen dann Blödsinn.

    Ist Schule nun eine Pflicht und damit Freiheitsbegrenzung? Oder die Freiheit, sich unter professioneller Anleitung Wissen anzueignen?
    Ist Arbeit eine lästige Pflicht oder die Chance, sinnvoll etwas zu gestalten?
    Ist Rücksicht auf Partner, Eltern, Kinder eine Freiheitsbeschränkung oder eine innere Befriedigung, dem anderen Freude zu machen?

    In dieser Gesellschaft bedeutet Freiheit für mich, dass ich mich jederzeit völlig frei entscheiden kann. Ich habe immer und überall eine Wahl und eine Alternative. Ich muss nur immer bereit sein, den Preis zu zahlen, den es kostet. Und einen „Preis“ müssen die Dinge haben, sonst haben sie keinen Wert.

  2. welt2 schreibt:

    Hallo Innengeraeusche!
    Vielen Dank zunächst einmal für die Mühe, die Du Dir mit der Antwort gemacht hast, habe mich sehr darüber gefreut.
    Ich möchte aber ein paar Anmerkungen machen:
    Als erstes: Ich war vor allem erst einmal stolz, daß sich mein 15jähriger Spross solche Gedanken überhaupt macht – und daß er mit mir darüber durchaus engagiert diskutiert hat. Seine Position teile ich in der Sache fast gar nicht, außerdem gibt es daran manches, was ich noch sehr ungeschliffen finde. Aber wenn unsere jungen Leute aufhören würden, über die Welt, in die wir sie hineingeworfen haben, nachzudenken, dann könnten wir den Laden ja gleich zu machen.

    Nun möchte ich aber nicht darauf verzichten, einige Anmerkungen zu Dir loszuwerden:
    „Wir in unserem Kulturkreis sind doch ziemlich frei. Unsere Gedanken gehören sowieso uns. Wir sind hier körperlich frei und in der Regel auch frei in unseren Entscheidungen. Mehr Freiheit als heute hat es noch nie in dieser Gesellschaft gegeben. Ich gehe sogar weiter: Manch einem scheint sie nicht zu bekommen.“

    Da stimme ich Dir weitestgehend zu. Allerdings: Die Gedanken sind sowieso immer frei und uneinsperrbar. Der Freiheitsgrad in unserem Land hat sich aber in dessen noch kurzer Geschichte für mein Empfinden schon so stark verändert, daß ich das nicht so pauschal ausdrücken würde, wie Du: Die sozialliberale Koalition hat – unter Zugzwang durch den damaligen Terrorismus – die bürgerlichen Freiheiten schon eingeschränkt. In den achtziger Jahren kam dann Kohl, der mit seiner „geistig- moralischen Wende“ einen Aufbruch versucht hat – für meinen Geschmack aber einen auf erweiterte merkantile Freizügigkeiten verkürzten Freiheitsbegriff hatte, mit der Folge, das so etwas wie eine „bleierne Zeit“ entstand (vielleicht kannst Du Dich an die sog. Null- Bock- Generation erinnern). Dann kam der Untergang der DDR, der ganz ohne Frage einen enormen Freiheitsgewinn für die Menschen sowohl in den neuen, wie auch in den „gebrauchten“ Bundesländern darstellte. Mein Eindruck aber war, daß sehr viele Bürger/-innen der ehemaligen DDR diese Freiheit so gar nicht erlebt haben, sondern eher enttäuscht waren. Hatten sie nicht eher die Wahrnehmung, daß sie die vorigen Zwänge durch andere eingetauscht hatten? Auch hier wieder: Ich finde dies nicht richtig und dennoch muß ich doch respektieren, daß es offenbar von vielen so empfunden wurde.
    Dann kam rotgrün mit dem fordernden Staat, der den Freiheitsgrad wieder veränderte. Natürlich hat man jederzeit die Freiheit, sich gegen das „Funktionieren“ zu entscheiden. Aber welchen Preis müßte man dafür bezahlen, gerade wenn man Kinder hat. Unter Schröder ist doch die Umverteilungspolitik von so stark ausgebaut worden, daß Familien heute deutlich weniger Spielräume haben, als vor Kohl! Gerade neulich habe ich mit meinen Eltern gesprochen, die uns in den 1970ern aufgezogen haben und die bestätigten meinen Eindruck, daß es uns als Familie damals besser ging.
    Kurz: Ich glaube wie Du, daß der objektive Grad unserer Freiheit heute erfreulich groß ist, die tatsächliche Lebenssituation zu vieler Menschen diese jedoch stärker einschränkt als für die demokratische Kultur gut ist.

    „Was begrenzt uns?…Manche haben eigentlich alle Voraussetzungen, aber sie nutzen sie nicht. Sie lernen nicht, sie arbeiten nicht, sie streben nicht. … Und nun träumen wir davon, dass Freiheit wäre, dass uns gebratene Tauben in den Mund fliegen, dass wir unsere Zeit nur noch mit den Dingen verbringen, die uns Spaß machen, nie mehr mit Dingen, die „sein müssen“.“
    Nun ja. Ich hatte ja schon ausgeführt, daß es immer wieder die materiellen Voraussetzungen sind, die die lebbare Freiheit m.A.n. schon einschränken, wobei klar ist, das das Erleben immer subjektiv ist. Der Eine kann sich schon frei fühlen, weil er auch Sonntags durch die shopping mall schlendern darf, der andere fühlt sich dadurch nicht ein Jota freier als vorher, womöglich sogar in seiner Freiheit behinderter als vorher. Du selbst beschreibst z.B. in Deinem blog Deine Behinderung dadurch, daß Du von 160 zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden 100 in überwiegend effektfreien Meetings verbrigen mußt. Warum ist das denn so? Was hindert Dich daran, aufzustehen, das Meeting zu verlassen und Deine Zeit mit etwas zu verbringen, daß Dir sinnvoller und erfüllender scheint? Selbst wenn ich voraussetze, daß Du in den restlichen 60 Stunden aufgrund Deiner freien (!) Entscheidungen nur genau solche Dinge anpackst, die wirklich Effekte bringen, stelle ich die Frage, ob denn ein Zuwachs dieses Anteils Deiner Arbeit aus den 100 Stunden Meeting komplett Deiner eigenen Verfügung unterläge – oder ob Du nicht auch darin Dinge erledigen müßtest, die Du Dir nicht selbst ausgesucht hast, unteres, mittleres oder oberes Management hin oder her. Was also schränkt uns ein? Genau.

    Und der Traum, daß wir unsere Zeit nur noch mit selbstgewählten Dingen verbringen müssen? Das ist doch der größte und älteste Menschheitstraum, den es gibt! Gewissermaßen die Triebfeder aller Kultur und Entwicklung. Meine Meinung: Hätten wir Menschen nicht diese Vorstellung (die man schon bei den alten Griechen findet), dann wären wir längst ausgestorben.
    Und: Ja, dazu würde die Fähigkeit gehören, damit dieser Zeit und Freiheit auch unzugehen. Nicht nur eine unfreie Entscheidungsnot abzustreifen, sondern eine freie Entscheidung für etwas zu treffen.

    „Ist Schule nun eine Pflicht und damit Freiheitsbegrenzung?“ Ja beides.
    „Oder die Freiheit, sich unter professioneller Anleitung Wissen anzueignen?“ Ja, auch das.
    „Ist Arbeit eine lästige Pflicht oder die Chance, sinnvoll etwas zu gestalten?“ Ja, beides.
    „Ist Rücksicht auf Partner, Eltern, Kinder eine Freiheitsbeschränkung oder eine innere Befriedigung, dem anderen Freude zu machen?“ Ja, beides.

    „… einen „Preis“ müssen die Dinge haben, sonst haben sie keinen Wert.“
    Das nun allerdings hört sich für mich nach einer äußerst deprimierenden Weltsicht an. Ich bleibe mal nur bei meinem Beispiel, der Diskussion mit meinem Sohn: Was beispielsweise ist denn deren Preis (oder meinethalben der „Wert“)?
    (In Klammern: Er strebt ganz schön der Kleine, ackert für eine Griechisch 3 auf einem sehr anspruchsvollen Gymnasium UND hätte gleichzeitig ohne dies vielleicht gar nicht diesen Impuls haben können. Seine Ratlosigkeit, was um alles in der Welt ihm denn so erstrbenswert erscheint, daß er sich daFÜR entscheiden will, ist doch genau die Motivation, die er rbaucht um sich auf die Suche zu begeben.)
    Du schriebst ja von körperlichen Einschränkungen – was wäre denn der „Preis“ von Gesundheit? Aus Sicht eines Kindes, aus Sicht eines älteren Menschen?
    Was der eines Kunstwerkes?
    Was der dieses Austausches?

    Ich freu mich auf Deine Antwort.

    • innengeraeusche schreibt:

      Hallo welt2,

      ich mag solche Gedanken und Diskussionen, weil ich finde, dass sie uns geistig wesentlich weiter bringen als das reine Abarbeiten von Tagespolitik. Ich bin leider keine gelernte Philosophin, sonst wären meine Beiträge sicherlich ausgegorener und weiser, aber zumindest gebe ich das Streben nach Weisheit (Ziellinie: Rente und Schaukelstuhl) noch nicht auf. 🙂

      Dass der Freiheitsbegriff eines 15jährigen nicht deckungsgleich ist mit dem einer Frau von über 40 ist nicht nur normal, sondern auch sinnvoll und begrüßenswert. Da bin ich ganz bei dir: „wenn unsere jungen Leute aufhören würden, über die Welt, in die wir sie hineingeworfen haben, nachzudenken, dann könnten wir den Laden ja gleich zu machen.“

      Und nachdem ich in meinem ersten Beitrag so fröhlich „Freiheit ist immer und überall“ postuliert habe, du mich aber erwischt hast (100 Stunden Jourfixe), geb ich halt doch noch zu, dass auch ich gelegentlich damit hadere, nicht frei (genug) zu sein. Aber ich ergebe mich dem Gedanken meist nur kurz und versuche stattdessen, mir klarzumachen, ob es wirklich die Gesellschaft, das Schicksal oder andere Leute sind, die mich einschränken, oder ob es nicht doch mein eigenes Handeln ist. Und wenn es mein eigenes Handeln ist, dann obliegt es meist mir selbst, hier eine Änderung herbeizuführen.
      Phase 1: Jammern über 100 Stunden JF. Ohne Leidensdruck keine Veränderung.
      Phase 2: Analyse. Was stört mich eigentlich? Wieso werde ich hier ferngesteuert und wieso lasse ich mir das bieten?
      Phase 3: Gegenmaßnahmen. Und ja, es ist tatsächlich so, dass ich angefangen habe, Dinge klar anzusprechen, zu hinterfragen, zu rebellieren und auch mal fernzubleiben. Aber auch den Sinn zu suchen in mancher Veranstaltung bzw. ihr wieder Sinn zu geben.

      Ich kann Fremdsteuerung nicht ausstehen. Aber ich bin frei genug zu wissen, dass es ohne halt auch nicht immer geht. Nur so funktionieren Gemeinschaften. Ist die Fremdsteuerung zu groß, dann ist wohl meine Selbststeuerung zu gering und dann arbeite ich daran anstatt zu verlangen, dass die anderen aufhören, das von mir selbst verursachte Vakuum füllen.

      Ok, kommen wir zu den Bürgerrechten. Ich bin ganz deiner Meinung, dass unter dem Deckmantel der terroristischen Bedrohung immer mehr Überwachung und Einschränkung Einzug gehalten haben. Wobei ich finde, dass wir Deutschen alles in allem damit noch einigermaßen moderat umgehen. Gerade die Amerikaner schwanken zwischen Lachen und Frust, weil Deutschland für sie das Horrorland des Datenschutzes ist. Man ist gelegentlich hin- und hergerissen. Einerseits will man, dass die bösen Buben möglichst schnell gestellt und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Das befriedigt den Gerechtigkeitssinn und gibt einem das Gefühl von Sicherheit – übrigens eine wesentliche Voraussetzung für Freiheit. Andererseits will man das nicht damit erkaufen, dass nun auch die überwacht werden dürfen, die nichts gemacht haben.

      Ja, die DDR. Ich bin ja mit der „Erkenntnis“ aufgewachsen, dass unsere Brüder und Schwestern im anderen Deutschland eingesperrt sind, nichts haben und nichts dürfen. Ich habe mir zur Zeit des Mauerfalls Nächte um die Ohren geschlagen, um die Berichterstattung zu verfolgen und geheult hab ich, weil sie jetzt alle endlich frei waren. Und das ohne jeglichen persönlichen Bezug, also keine getrennte Familie o. Ä. Und dann kam Kohl mit seinen blühenden Landschaften und ich saß da und sagte mir: Tut’s nicht, Leute! So ist das nicht. Lasst euch keinen Mist versprechen. Aber das Angebot war zu verlockend. Dass sich die neuen Bürger etwas anderes erhofft hatten als das, was eingetreten ist, das verstehe ich gut. Und dass der Frust erst einmal groß war, sehe ich ein. Objektiv betrachtet haben sie sicher deutlich mehr Freiheit als in den alten DDR-Tagen. Man muss aber erst selbst die Enttäuschung überwinden, um das zu erkennen und aus dem, was gegeben ist, das maximale an persönlicher Freiheit herausholen.

      Ich finde es faszinierend, dass wir immer wieder Geld und Freiheit so gleichsetzen. Ich will ja nicht abstreiten, dass Geld einem Gestaltungsmöglichkeiten gibt, aber machen diese einen immer auch frei(er)? Und anders herum: Ist man wirklich immer unfrei(er), wenn man wenig Geld hat?

      „Und der Traum, daß wir unsere Zeit nur noch mit selbstgewählten Dingen verbringen müssen? Das ist doch der größte und älteste Menschheitstraum, den es gibt! Gewissermaßen die Triebfeder aller Kultur und Entwicklung. Meine Meinung: Hätten wir Menschen nicht diese Vorstellung (die man schon bei den alten Griechen findet), dann wären wir längst ausgestorben.
      Und: Ja, dazu würde die Fähigkeit gehören, damit dieser Zeit und Freiheit auch unzugehen. Nicht nur eine unfreie Entscheidungsnot abzustreifen, sondern eine freie Entscheidung für etwas zu treffen.“
      Das ist mir eher des Pudels Kern. Die alten Philosophen mögen darüber nachgedacht haben, aber die haben mit ihrer Zeit auch sinnvoll etwas anfangen können. Viele Menschen tun das aber nicht bzw. können es irgendwie nicht. Viele fühlen sich dann am wohlsten, wenn ihnen jemand anderes sagt, was sie tun sollen. Dann schimpfen sie darüber, dass sie rumkommandiert oder bevormundet werden, aber eigene Maßnahmen ergreifen sie nicht. Wir krähen danach, der Staat möge die Dinge regeln, beklagen uns dann aber, dass der Staat das nur für die Masse, nie aber für das Individuum tun kann.

      Vielleicht liegt der Schlüssel zur Zufriedenheit und zur Freiheit darin, erst einmal eine gesunde Schizophrenie – oder nennen wir es wohlwollend Ambivalenz – zu entwickeln, um dann den Dialog mit dem eigenen Mann im Ohr zu führen bevor wir reflexartig Meinung bilden und diese lautstark vertreten ohne sie jemals wieder zu reflektieren.

      Der „Preis der Dinge“ meint seltener nur einen Geldwert. Sondern einen Wert überhaupt. Die Dinge, für die ich mich einsetze, für die ich Zeit aufbringe, müssen es mir wert sein. Wer ein Ziel anstrebt, nimmt manchmal auch Meilensteine in Kauf, die weniger Spaß machen, wenn sie denn zielführend sind. So ist Griechisch lernen an sich noch nicht unbedingt ein Wert. Eine Fremdsprache zu können, aber sicherlich. Wenn ich z. B. beabsichtige, Archäologie oder Geschichte zu studieren oder Philosophie; ich glaub sogar Theologie profitiert davon (alle aber wohl am ehesten von Altgriechisch).

      Warum ging es in den 1970er Jahren besser? Das wäre ein weiteres Kapitel, mit dem ich mich gerne mit dir auch noch auseinandersetze. 🙂

      Viele Grüße
      Rita

      • welt2 schreibt:

        Hallo Rita !
        Nur ganz kurz: Alt- Griechisch ist für so einen Schüler in der 9. genauso sinnvoll oder sinnlos wie Algebra oder Schwebebalken, ich erinner mich da gut dran. In der Schule gehts bei so einem Fach ja zuallererst einmal genau darum, das Lernen und auch für unwichtig scheinende Dinge den inneren Schweinehund überwinden zu lernen. Und das will sehr ernsthaft betrieben werden und ist wichtig, selbst wenn die spätere Verwendbarkeit von Alt- Griechisch ja tatsächlich sehr in Frage steht.

        Zu den 1970ern ein anderes Mal gerne mehr, vorher aber habe ich mir noch zwei andere Themen vorgenommen: Erstens wollte ich ja gerne über meine Erfahrungen im Vergnügungspark schreiebn (das ist da wo das Vergnügen parkt) und es wächst und gedeiht die Liste aller Dinge, die – ähnlich wie das Telefonieren – durchs Privatisieren und Liberalisieren alle so viel preiswerter, besser, effizienter, praktikabler, einfach insgesamt angenehmer geworden sind.

        Bis dennchen 😉

  3. mayarosa schreibt:

    Hallo Welt2,
    habe deinen Post gerade gesehen. Danke für’s Erwähnen und Verlinken 🙂
    Vielleicht darf ich deine Gedanken zur Freiheit noch um einen Aspekt ergänzen?
    Wir betrachten solche Werte häufig singulär. Dabei sind sie es oft nicht. Denn das mehr von einem Begriff beinhaltet das weniger eines anderen.
    Wenn wir die gesellschaftliche Freiheit nehmen, in der jeder tun kann, was er will, dann steht ihr als Gegenwert eine gesellschaftlichen Ordnung entgegen, in der die Gesellschaft definiert, was richtig ist und was falsch. Dieses Wissen um, wo bin ich und wo gehöre ich hin ist ein wesentlicher Quell‘ für das Gefühl der Geborgenheit. Geborgen sein kann man nur in der Gruppe.
    Ich bin ein Fan des Wertequadrats von Schulz von Thun. Danach müssen zwei Werte in ausgewogener Spannung zueinander stehen, damit beide ihre positive Kraft entfalten können. Wenn einer der beiden Werte dominiert, so kippt er nach unten auf die negative Seite: Dann wird die Freiheit zur Rücksichtslosigkeit/Egozentrik und die Gesellschaftliche Anpassung/Ordnung zur Assimilation/Zwang.

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