Bin ich vielleicht doch blöd?

Glaubt man’s? Gerade kam eine Mail von der Telekom. Betreff „Ostern kann kommen“. Darin bieten die an, daß man ein Eifon4 erwerben kann für nur 1,-€. Echt!
Dafür muß man nur einen 24- monatigen Vertrag abschließen mit einer monatlichen Gebühr von 99,95€.
24 mal 100,-€. Wie schamlos kam man eigentlich sein? Und für wie blöd seine Kunden verkaufen?
Das ist ja sowieso ein Lieblingsthema von mir.
Als ich noch ein Kind war, hatten wir ein Telefon:
Es stand im Flur, man konnte damit telefonieren. Anfangs haben wir uns sogar den Anschluss mit unseren Nachbarn geteilt. Wenn jemand anrief, dachten meine Eltern, es wär was Schlimmes. Dieser Anschluss wurde von einem verschlafenen Staatsbetrieb gestellt, der 4 Wochen brauchte, um einen Änderungswunsch zu bearbeiten. Eine Einheit kostete 23 Pfennig. Dafür konnte man in Westberlin telefonieren, so lange man wollte. Zum Beispiel mit meiner ersten Freundin die ganze Nacht durch. Und nächste Nacht gleich wieder.

Dann wurde Helmut Kohl mit seiner Idee der „geistig- moralischen Wende“ gewählt (ich war’s nicht, echt). Damit war gemeint, jeden nur erdenklichen Bereich des öffentlichen und privaten Lebens so weit wie irgend möglich zu liberalisieren und zu privatisieren (eigentlich genauer: Die Gewinne zu privatisieren und die Kosten zu vergesellschaften). Dies wurde Zug um Zug umgesetzt. Liberalisierung und Privatisierung wurden die Hohelieder der achtziger, neunziger und der 2000er Jahre, nicht mal von der Wiedervereinigung oder einer neuen Regierung  unterbrochen. Die Wirtschaft brummte und brummte, die Konzerne verdienten und verdienten und wurden nicht müde, das Lied von der Liberalisierung und Privatisierung strophisch zu wiederholen, denn nur damit konnte (und kann) man ja angeblich den immer neuen Wechselfällen des Lebens begegnen. Die Deutschen sollten zu einem Volk von Aktionären, von Unternehmenseignern werden. Allen voran schritt die z.B. Deutsche Bundespost – umgewandelt in die Aktiengesellschaft „Telekom“, die jahrelang noch Mühe hatte, das angeschmuddelte Staatskonzernimage loszuwerden. Dafür haben sie echt lange gebraucht.
Logisch. Sie mußten ja erst einmal lernen, so überzeugende Werbesendungen wie die von heute zu formulieren und die entsprechende Logistik entwickeln, damit sie die auch mir und zig anderen Millionen armen kleinen Dummköpfen direkt auf den Schreibtisch schmeissen können. Damit sind alle Probleme, die ich vorher mit meiner Telekommunikation hatte, jetzt gelöst. Bin ich glücklich!

Gleich häng ich einen Zettel an meinen Küchenschrank. Da drauf sammel ich dann alle Bereiche meines Lebens, denen die Liberalisierung und Privatisierung ebenso gut getan hat, wie diesem. Und Euch, die Besucher dieses blogs bitte ich hiermit, in den Kommentaren Eure besten Liberalisierungs- und Privatisierungserfahrungen mitzuteilen. Hier. In Welt2. Damit alles immer besser wird. Ich freu mich schon.

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Eine Antwort zu Bin ich vielleicht doch blöd?

  1. Die am häufigsten gestellte Frage an Mobiltelefonnutzer ist offensichtlich: „Wo bist Du gerade?“. Bei den vielfach mitzuhörenden Gesprächen kann man gut darauf schließen, denn der erste Satz betrifft stets die aktuelle Ortsangabe. Beim Lesen dieses Beitrages stellte ich mir die Frage so vor ca.20 Jahren vor. Das Telefon klingelt im Flur, es ist natürlich ein Festnetzanschluss, und jemand fragt: „Wo bist Du gerade?“. „???“.
    Bei Privatisierung fällt mir in diesem Zusammenhang das genaue Gegenteil ein: Telefonate sind leider nicht mehr privat. Und man kann sich kaum schützen vor dieser irrsinnigen Dampfplauderei.

    Elvira

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